„Ich schreibe Dir wie einem abtrünnigen Gefährten, der mich in sich gelassen hat und den ich zurückrufen muß.“ 1
„Wenn man zu jemandem spricht, zu einem Freund oder einem Feind, hat es da irgendeinen Sinn, zwischen seiner Anwesenheit und seiner Abwesenheit zu unterscheiden? In gewisser Weise heiße ich ihn kommen und er ist für mich anwesend.“2
„Jedes Individuum, jede Art, jede Gattung, jedes Element des natürlichen Lebens hat seine eigene, subjektive Zeit und seine eigene, gegenwärtige Dauer, die nicht zu unterschreiten ist. Es gibt also offenbar Sinnesreize, die für mich nie gegenwärtig sein können, deswegen, weil sie zu schnell für mich sind. Und umgekehrt gibt es Zeitdauern, die ich nie werde wahrnehmen können, weil sie für mich zu lang sind, weil ihre Schwingungen mein Zeitsensorium überschreiten.“3
„Leute, die so sehr Herr über ihre Schritte und ihre Ideen sind, daß sie sagen: 'Heute werde ich drei Besuche machen, vier Briefe schreiben und dieses begonnene Werk vollenden', mag ich nicht.“4
„Und obwohl wir darüber noch kein einziges Wort verloren haben, ahnen wir bereits, daß man für den Feind, zu dem man spricht, eine gewisse, ja zuweilen eine stärkere Freundschaft hegt als für den Freund, von dem man spricht. Aber nichts steht je im voraus fest.“5
„Die Unmöglichkeit für den Feind, einzudringen, wird – ins neurotische Extrem getrieben – zur selbstauferlegten Unfähigkeit, hinauszugehen. Viele Anachoreten, die sich in ihre Höhle einschlossen, kommunizierten mit Besuchern nur durch ein kleines Fenster, dia thyridos.“6
„Er nimmt sie mit einem, mit dem erwähnten Ruck einfach auf. Rollt sie zusammen, als hätte er einen dünnen Läufer vor sich, knickt die Rolle in der Mitte zusammen und verbirgt sie unter dem Mantel. Immerhin: Er ist Technologe. Leider gehen ihm einige Einwohner dabei verloren, unter ihnen die Greisin aus dem Tabakwarenladen, spurlos, und alle Vögel über den Dächern, mitten in Flug und Gekreisch.“7
„Demgegenüber wäre der Gedanke etwas, das mit dem winzigen Augenblick einer Willenskraft von der größten Ferne in die größte Nähe und umgekehrt transportiert werden kann – und wäre der Inbegriff von Schnelligkeit. [...] Und ich kann mit einem Gedanken die entferntesten und unwahrscheinlichsten oder unmöglichsten Begegnungen herstellen, während Langsamkeit darin besteht, einen Prozess, das heißt eine Dauer, abwarten zu müssen. Das wäre der Übergang von kalt zu warm, das wäre das Auflösen eines Zuckerstücks, das wäre das Hereinbrechen des Abends, und das wäre etwa auch das langsame Verbrennen der Sonne bis hin zu irgendeinem weit entfernten Weltende. Das sind Prozesse der Langsamkeit, die man fürchten oder erhoffen oder erwarten muss.“8
„Nach einigen Arbeitssitzungen dieser Art kann man schon das ganze Haus aufbauen, und nachdem das geschehen ist, kann man es besichtigen, sich an seiner Architektur erfreuen und die Anordnung seiner Zimmer studieren. Dabei kommen die in der Einbildung vorhandenen Gegenstände an ihren Ort und werden allmählich bekannter und vertrauter, sie verschmelzen immer mehr mit dem inneren Leben des Hauses, das nun unbewußt dort entsteht. Wenn etwas dabei nicht richtig erscheint, oder wenn man seiner überdrüssig wird, kann man augenblicklich ein neues Haus errichten oder das alte umbauen oder es einfach reparieren ... Das Leben der Phantasie ist insofern schön, weil es darin weder Hindernisse, Hemmungen, noch Unmögliches gibt ... Alles was gefällt, ist erreichbar, und alles was man will, geschieht sofort.“9
„Sie fragen in Ihrer Karte: 'Warum ist alles so?' Sie Kind, 'so' ist eben das Leben seit jeher, alles gehört dazu: Leid und Trennung und Sehnsucht. Man muß es immer mit allem nehmen und alles schön und gut finden. Ich tue es wenigstens so. Nicht durch ausgeklügelte Weisheit, sondern einfach aus meiner Natur. Ich fühle instinktiv, daß das die einzige richtige Art ist, das Leben zu nehmen, und fühle mich deshalb wirklich glücklich in jeder Lage. Ich möchte auch nichts aus meinem Leben missen und nichts anders haben, als es war und ist. Wenn ich Sie doch zu dieser Lebensauffassung bringen könnte!“10
1Derrida, Jaques: Der mich begleitet. In: Über die Freundschaft. Frankfurt 2000, S. 7
2Ebd., S. 10
3Vogl, Joseph und Kluge, Alexander: Zeit ohne Raum. Ein Gespräch. In: Science & Fiction. Hrsg. von Thomas Macho und Annette Wunschel. Frankfurt 2004, S. 248
4de Maistre, Xavier: Reise um mein Zimmer. Frankfurt 2001, S. 23
5Derrida: Der mich begleitet, S. 10
6Barthes, Roland: Wie zusammen leben. Frankfurt 2007, S. 114
7Kunert, Günter: Alltägliche Geschichte einer Berliner Straße. München 1970, S. 9
8Vogl und Kluge: Zeit ohne Raum, S. 260 f.
9Stanislawski, Konstantin Sergejewitsch: Die Arbeit an der Rolle. In: Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle. Berlin 2002, S. 38
10Luxemburg, Rosa: Briefe aus dem Gefängnis. Paderborn o. J., S. 24 f.