Ernstens kleine Rutschpartie

 

 

 

 

 

 

 

Ich fuhr mit dem Zug nach London und zurück. Ich dachte darüber nach, wie es ist, mit diesen Mitreisenden, die in diesem Fall Fußballfans waren, und ich ärgerte mich nicht, dass sie laut waren und wirklich dummes Zeug redeten, dazu auch sehr lustiges Zeug, ich wurde eher traurig, weil es mir auf einmal so aufwendig vorkam, wie sie sich ihr Hochgefühl organisieren mussten, wie aufwendig sich viele irgendein Hochgefühl und Ereignis organisieren müssen, das ist ein krankes Resultat aus der Einteilung des Lebens in Dienst und Schnaps oder schönste Zeit und Ernst des Lebens etc.

Beeindruckend jedenfalls war der junge Mann, der in London Vauxhall einfach auf der spiegelblanken Fläche zwischen den beiden Rolltreppen nach unten rutschte: breitbeinig, fast fliegend, und irgendwie, ich weiß wirklich nicht wie, kam er ohne sich den Hintern zu verletzen über die Notbremsenknöpfe und Warnschilder hinweg, die auf dem Metall angebracht waren, oder er benutzte sie als Rampe. Er lachte, der war so glücklich, und so glücklich würde ich auch gern sein, vielmehr: eine solche Rutschpartie würde ich auch gern machen, aber mir fehlt die Geschicklichkeit. Wir auf der Rolltreppe nach oben sahen ihm staunend hinterher, seine Freunde lachten und freuten sich über ihn.

Es fehlt in den meisten Leben dieser Ausbruch, es fehlt so eine Seinsart, die weder Wahnsinn ist noch Übermut und nicht Rabaukentum und nicht Provokation und nicht Besäufnis als Freizeitgestaltung und als Seelenpflege und nicht Karneval und nicht Party, sondern Alltag, Teil eines Alltags, ich meine das, was wir den Kindern noch zugestehen: eben noch brüllen, dann schon lachen, ich meine eine sprunghaftere Kontinuität, eine Kontinuität, die spätestens aus der Draufsicht erkennbar ist, und ich meine einen neu zu definierenden, durchaus vergnügten Ernst des Lebens.

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