Category Archives: Buch und Bücherei

Wahrheiten / Lutz des Tages

 

Meine Lieblingswahrheit: Nicht jeder Fehler ist besser.

Nicht nur hauchen, bitte


Jo Lendle im Gespräch mit der FAZ:

“Sie haben sich ein Jahr Auszeit genommen, um sich auf Ihre Rolle als neuer Hanser-Verleger vorzubereiten. Was haben Sie in der Zeit gemacht?

Gelesen, Autoren getroffen, mit den Kollegen im Verlag gesprochen. Und nachgedacht. Darüber, was ein Verlag heutzutage sein kann und was ich bei Hanser tun werde. Das allermeiste in diesem Verlag ist gut und richtig und bewahrenswert, aber an ein paar Schrauben möchte ich drehen.”

Was sind das für Schrauben?

Kleinigkeiten. Als Michael Krüger Hanser-Geschäftsführer wurde, stellte er in einem Interview fest: „Der Verlag ist an seinen höchsten Möglichkeiten angekommen.“ Das gilt heute erst recht. Diese Strahlkraft ist einzigartig, sie gilt es zu bewahren. Aber im aktuellen Frühjahrsprogramm sind von 29 Autoren 27 Männer. Da sollte sich ein Hauch Balance hineinbringen lassen.

Oder, wie hier, eine prägnante Entscheidung: “My reading resolution is to read only books by women”

Mit Toten schimpfen

Verärgert, tatsächlich verärgert, und dazu: Ich nehme es persönlich, stelle ich fest, dass Helga M. Novak gestorben ist. Ich glaube, ihr Tod ärgert mich genauso, wie mich zum Beispiel Mahnungen ärgern, deren zugehörige Rechnungen schon lange auf meinem Schreibtisch liegen, die ich einfach aus Unlust oder Ignoranz oder Vergesslichkeit nicht bezahlt habe. Ich ärgere mich wie über etwas, das ich getan habe oder nicht getan habe, obwohl nun gerade und vollkommen offensichtlich das Gegenteil besser gewesen wäre, über etwas, das ich besser weiß. Oder ist das doch der Ärger über den Tod, diesen Besserwisser, der jedem ins Wort springt. Oder ich ärgere mich über die nun Tote persönlich, als würden meines Erachtens andere sterben, aber sie doch nicht. Wirklich, der Tod von Helga M. Novak ist über alle Maßen ärgerlich.

nicht bei Dings

Der Lieblingssatz des Tages heute von Franz Dobler in der jungen Welt: “Beim Label ist es billiger als bei Dings.”
Quelle: http://www.jungewelt.de/2013/12-17/047.php

Bloß nicht bei Dings kaufen.

Elisabeth spricht

“Elisabeth: Ich rede jetzt nicht direkt persönlich, denn ich bin darüber momentan hinaus –

[...]

Elisabeth fletscht die Zähne.

Und zwischendrin der Ausbruch, so ein Wahrheitswüten und Beißen, und ich denke nach über Wahnsinn (oder was alles als Wahnsinn bezeichnet wird) und wie er dargestellt wird, darüber dass die meisten Darstellungen des Wahnsinns den Kern des Wahnsinns (des sogenannten) nicht treffen, sondern die Klarheit und Tiefenschärfe des Wahnsinns (manchen sogenannten Wahnsinns) verkennen oder nicht einmal in Betracht zu ziehen versuchen. Ich versuche im neuen Stück den Wahnsinn (den sogenannten) als Redeweise zu verwenden, ihn als legitime Ausdrucksform zu betrachten.

Szene Nummer 4 / Alltagsfragen

Präparator: Sie wünschen?
Elisabeth: Ich möchte hier jemand Zuständigen sprechen.
Präparator: In was für einer Angelegenheit?
Elisabeth: In einer dringenden Angelegenheit.
Präparator: Haben Sie einen angehörigen Toten bei uns?
Elisabeth: Es dreht sich um keinen angehörigen Toten, es dreht sich um mich selbst persönlich.
Präparator: Wieso denn das hernach?
Elisabeth: Sind der Herr hier die zuständige Instanz?
Präparator: Ich bin der Präparator. Sie können sich mir ruhig anvertrauen.
Stille.
Elisabeth: Man hat mich nämlich extra darauf aufmerksam gemacht, daß man hier seinen Körper verkaufen kann — das heißt: wenn ich mal gestorben sein werde, daß dann die Herren da drinnen mit meiner Leiche im Dienste der Wissenschaft machen könne, was die Herren nur wollen — daß ich aber dabei das Honorar gleich ausbezaht bekomme. Schon jetzt.
Präparator: Das ist mir neu.
Elisabeth: Man hat mich aber extra darauf aufmerksam gemacht.
Präparator: Wer denn?
Elisabeth: Eine Kollegin.
Präparator: Was sind Sie denn von Beruf?
Elisabeth: Jetzt habe ich eigentlich nichts. Es soll ja noch schlechter werden. Aber ich lasse den Kopf nicht hängen.
Stille
Präparator: Seine eigene Leiche verkaufen — auf was die Leute noch alles kommen werden.
Elisabeth: Man möchte doch nicht immer so weiter.

Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung

Fundstück /Umzugsaufwühlung

 

Manchmal stimmt das. Manchmal keinesfalls. Aus aktuellem Anlass würde ich jedenfalls sagen: Umzugskartons packen führt dazu, dass “der ganze Körper leidet”. Das Wühlen in dem alten Zeug, alte Briefe an irgendwen und alles wegwerfen wollen und dann doch noch hängen an altem Zeug und nicht wissen, welcher Stellenwert den nostalgischen Gefühlen gegeben werden soll. Ich rede mit den nostalgischen Gefühlen und versuche zu verstehen. Ein Gespräch, und nun: “der ganze [Kopf] leidet”. Berge von Zeug. Berge von Zeug. Und teilweise schönes, beglückendes Zeug.

chronisch

Wie man nicht fertig wird

Ich weiß, wie man nicht fertig wird, und nie will ich fertig werden. Ich schrecke vor jedem Abschluss zurück, vor diesem Hieven und Drängeln dem Ende entgegen, diesem Kraftakt.

Ich arbeite wieder an einem Text, an dem ich schon lange arbeitete, den ich schon einmal beendet habe. Ich schob die erneute Arbeit an diesem Text ewig auf. Oh, der benötigte Mut. Ich arbeite am Text mit der Sorge, ihn irgendwie zu beschädigen. Ich erfinde jeden Tag etwas, das unbedingt noch mit hinein muss. Jeder Tag bringt eine neue tolle Idee, die ich, kaum dass ich sie aufgenommen habe, wieder verwerfe. Ich erzähle A alle meine Ideen, all die tollen Ideen, davon, was alles rein soll in den Text. Davon, wie ich alte Texte in den neuen fügen kann. Ich berichte ihm, weil ich übersprudele und weil ich, nachdem ich ihm berichtet habe, mehr weiß.  A stimmte am ersten Tag zu, versteht genau, was ich vorhabe.  Am nächsten Tag hörte er – immerhin, aber nur noch – wohlwollend zu. Vorhin, während ich von der neuen tollen Idee berichtete, bearbeitete er sein Smartphone. Ich überlege nun, einen so betitelten Text zu schreiben: “Über den allmählichen Abschied von den tollen Ideen beim Betrachten des Liebsten mit dem Smartphone in der Hand.”

Rosetta – Kennen Sie den?

Denken an den Rosetta-Stone im British Museum hinter Glas, wirklich explizit gechützt im Gegensatz zu vielen anderen Exponaten, die herumstehen wie Besucher. Oder fast so. Die Menschen drücken sich gegen die Scheibe, der Stein ist einfach nicht erreichbar, man kommt zwar mit Blicken durch Glas, aber man kann mit den Blicken den Händen keinen Weg bahnen. (Kurz denken an diese Annahme: Wenn das Licht sich viel langsamer bewegte, bestünde die Wahrscheinlichkeit, dass man beim Laufen gegen eine Mauer ja doch einmal hindurchkäme – ohne Schaden zu nehmen – weil es eben aufgrund der Anordnung der sich bewegenden Teilchen dann gerade möglich wäre.)

In Gedanken den Stein berühren, die Schrift, die Zeit, die Ewigkeit (in etwa), Geschichte und Bedeutung etc. Aber eben nur in Gedanken. Im Nachbarsaal – Enlightenment – die Kopie des Rosetta-Stones, täuschend echt, eine Überraschung, die (so steht es auf einem Schild) berührt werden darf. Und das ist, als berührte man etwas Echtes, das Unerwartete und Heilige am Wegesrand, das Unfassbare, ein Ereignis, aber es ist auch so, als berührte man einen Witz.