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Mit Toten schimpfen

Verärgert, tatsächlich verärgert, und dazu: Ich nehme es persönlich, stelle ich fest, dass Helga M. Novak gestorben ist. Ich glaube, ihr Tod ärgert mich genauso, wie mich zum Beispiel Mahnungen ärgern, deren zugehörige Rechnungen schon lange auf meinem Schreibtisch liegen, die ich einfach aus Unlust oder Ignoranz oder Vergesslichkeit nicht bezahlt habe. Ich ärgere mich wie über etwas, das ich getan habe oder nicht getan habe, obwohl nun gerade und vollkommen offensichtlich das Gegenteil besser gewesen wäre, über etwas, das ich besser weiß. Oder ist das doch der Ärger über den Tod, diesen Besserwisser, der jedem ins Wort springt. Oder ich ärgere mich über die nun Tote persönlich, als würden meines Erachtens andere sterben, aber sie doch nicht. Wirklich, der Tod von Helga M. Novak ist über alle Maßen ärgerlich.

Satzdarsteller

 

 

 

 

 

 

 

Seit Tagen schiebe ich es schon auf, will Stadt der Engel nicht beenden, damit es dann nicht ausgelesen ist, sondern will einfach weiterlesen und weiter und weiter. Und es wäre in diesem Fall schön, führte das Lesen nicht dazu, dass das Buch ausgelesen werden könnte, zumindest für den Moment wäre das schön. Ich ginge mit diesem Buch gern durch das Jahr, und grundsätzlich bleibt der Tod, an den ich beim Lesen und sowieso denken musste, bleibt jeder Tod unvorstellbar und unmöglich, und links von mir steht ein anderes Christa Wolf-Buch, es heißt “Fortgesetzter Versuch”, womit alles gesagt ist, was man zum Leben sagen kann.

Und natürlich ist das ein Satz, der nicht stimmen kann: Hiermit ist alles gesagt.

Der Satz ist die Kleidung eines römischen Legionärs.

Der Satz ist jener als römischer Legionär verkleidete Mann der Gegenwart, der vor dem Pantheon stand (in festem Schuhwerk, um der Kälte zu trotzen), dem weinrote Federn vom Helm fielen, der mit seinem Kollegen plauderte und die Passanten fragte, ob sie ein Foto mit ihm machen wollten, zwei silberne Kronen in der rechten Hand schwenkend, das Gespräch mit dem Kollegen nicht unterbrechend.

 

Und ich bin versucht zu sagen: Hier sind lauter Ich-weiß-nicht-was versteckt: Finde die Stellen!

 

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Und die schlimmen Dinge kommen daher wie Witze, weshalb man lachen muss, oder ich muss lachen, oder es ist der dringende Wunsch: lieber lachen als weinen wollen. Oder wie ist es.

Ich kann mich, weil mir der Zugang zu vielen Erinnerungen versperrt ist, weil ich ihn selbst versperrt habe, ohne dafür besondere Gründe nennen zu können – lediglich Zeitmangel, alle Zeit wird von den Kindern gegessen, die ja nicht hungern wollen und sollen, aber doch schon dicke Backen haben, vor allem F (1), der an Dickbackigkeit kaum zu übertreffen ist – jedoch an nichts Schlimmes erinnern. Nichts fühlt sich schlimm an, alles fühlt sich so an, als hätte sich nichts je schlimm angefühlt. Ich muss eine andere geworden sein.

Jedenfalls sind wir auf dem Berg: Casa Baldi, Olevano Romano, und ich fand im Schrank diesen Hefter, ordentlich mit Etiketten und Schreibmaschinenschrift gekennzeichnet, drinnen Kinderbilder von irgendwelchen anderen Stipendiatenkindern. Der Ordner so ein Stipendiatenhausrelikt, irgendein Rest, weil hier überall Reste sind (Nähgarn, fast leere Klebefilmrollen, ausgedruckte Brigitte-Rezepte, ausgedruckte Steffen-Popp-Texte, will sagen: von Steffen Popp für die interessierte Nachstipendiatenschaft ausgedruckte S-P-Texte, will sagen: natureitel, dazu später mehr und noch später zu später mehr), aber der Ordner ist mit einem dicken Edding-Kreuz markiert, und ich fragte mich, nachdem ich vor ein paar Tagen mit K zum Friedhof spaziert war, wer dieses Kreuz aufgemalt hatte, wie es aufgemalt wurde, wie man so ein dickes Edding-Kreuz also malt, und wie man sich dabei fühlt.

Man kann ja einfach ein schwarzes Edding-Kreuz malen. Ich denke, ein Kind hat das Kreuz gemalt, das ist das Kreuz einer Kinderhand oder einer Hand, die für das Kreuz zum ersten Mal einen Edding in die Hand nahm.

Man kann deuten und nicht deuten. Entweder man will deuten oder man will nicht deuten. Derzeit deute ich nicht gern, aber ich könnte. Jedenfalls las ich “Das Begräbnis” von Wolfdietrich Schnurre, und der Text funktioniert wie ein Witz, aber ist kein Witz oder ein makabrer. Man könnte also alle Zeit auf die Pointe warten, aber die kommt nicht, da quietscht nur eine Tür am Ende und der hinkende Pfarrer tritt auf oder ab.

Und hier treten auf der Sturm und die Arbeit, die zu tun ist.