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Geschäfte vor dem Mond

Hier, offensichtlich hinter dem Mond, erfahre ich erst heute, dass Amazon ZVAB gekauft hat, was mir doch recht betrüblich vorkommt, weil nun erstens die Alternativen beim antiquarischen Buchkauf im Internet weiter schwinden, und zweitens, weil ich einen Satz in meinem aktuellen Manuskript streichen muss, der mir gut gefiel. Diesen: “Wenn es nicht anders ging, kaufte sie weiterhin bei Amazon ein. Sie rechnete jeden Tag mit einer Mitteilung von ZVAB, dass ZVAB nun aufhöre, sie verlas sich auch, las im Betreff einer E-Mail Finaler Gruß aus dem Antiquariat und nicht Floraler Gruß aus dem Antiquariat…” Oder doch nicht streichen? Nun, das kann zu gegebener Zeit entschieden werden. Aufschub duldet aber nicht die Abschaffung der Generosität gegenüber dem Interpretationsspielraum der eigenen Prinzipien, die Hannes Hintermeier in der FAZ am 8. Februar so beschrieb: “So sprach neulich ein bekannter Sachbuchautor, der lieber nicht genannt werden will: Er hasse Amazon, wirklich aufrichtig und mit allem Nachdruck. Man müsse sich mit aller Gewalt gegen diesen Monopolisten stemmen. Freilich, wenn er ein Buch wolle, sage er einfach seiner Frau Bescheid und die bestelle es für ihn – bei Amazon.”

Und wenngleich es unglaublich erscheint, gibt es ja alle Nase lang Leute, die dermaßen in Prinzipienhoheit stolzieren und ihnen wächst nie eine Lügennase, und kein Zweifel kratzt sie.

Jedenfalls ist die Vorherrschaft Amazons mittlerweile nicht mehr kleinzureden, aber ich trage auch zu dieser Vorherrschaft bei und will manchmal den Buchhändlern oder Antiquaren vor Ort nicht begegnen oder kann ihnen dann, wenn ich ihnen begegnen könnte, nicht begegnen. Interessant zu Amazon auch Roland Preuß’ heutiger Artikel in der FAZ: “Nicht ohne Ironie ist, dass die älteste deutsche Universitätsbibliothek, die Heidelberger, ihren Online-Katalog mit Amazon-Bildchen schmückt, die die Studenten, ohne dass sie eigens darauf hingewiesen würden, bei Klick direkt auf die Seite des Luxemburger Steuerumgehungskonzerns lenken, wo sie neuerdings vom ‘Amazon Student’-Dienst ‘abgeholt’ werden.” (13. Februar 2013, Feuilleton, S. 25) Das darf so nicht sein.

Natürlich geht es Amazon nicht ums Lesen, es geht Amazon nur um den Anfang und die ewige Wiederholung dieses Experiments, Bücher eben an Regentagen kaufen zu können, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen. Dazu um andere Experimente am Menschen, aber eben nicht ums Lesen. Sagt mir mein Verstand, der, anders als der bekannte Sachbuchautor von oben – genannt werden will.

Lesen mit und ohne Platz

 

 

 

 

 
 

Ich habe gestern ein Buch von Christoph Hein gekauft, hauptsächlich, weil es voller Randnotizen ist. Ich lese, was da an den Rand geschrieben wurde, lese dann Heins Text und prüfe, wie eines zum anderen passt und überlege, wer da wohl geschrieben hat und mache mir ein kleines Bild von dieser Person, die es übrigens in der Mitte des Buches aufgab, sich weiterhin Notizen zu machen. Ob sie auch aufhörte zu lesen? (Man muss ja Bücher nicht auslesen.)

Schön ist es jedenfalls, wenn man sich überhaupt am Rand Notizen machen kann, wichtig ist es, weshalb ich über eines meiner Lieblingsbücher (Ahrendt, Vita activa) ja doch immer ein wenig schimpfe. Was muss es auch so dicht und fast bis an die Seitengrenze bedruckt sein:

Bei Reclam-Heften sieht es nicht besser aus, weshalb ich, im Anmerkungs- und sicherlich auch Memorierungswahn, bei Schillers “Über naive und sentimentalische Dichtung” dazu überging, schließlich fast alles auf kleine Notizzettel zu übertragen und diese aneinandergeheftet ins Buch zu kleben. Das hielt ich immerhin bis S. 41 durch. Ab S. 42 unterstrich ich und schrieb wenig an den Rand, viel ging ja nicht. Ab S. 80 finden sich keine Unterstreichungen, Zettel oder Anmerkungen mehr, was wohl bedeutet, dass ich das Buch nicht ausgelesen habe. Tja.

Jedenfalls denke ich an einen Abend in meiner kalten Studentenwohnung, mit mir zwei Kommilitonen, die sich in den Hölderlinturm wünschten und die Freundin C, die derlei Weltfremdheit nicht verstand, die diesem Wunsch nach Ideal und Zurückgezogenheit und eben Distanz zur Welt nicht guthieß, und ich, beides verstehend, beides wollend. Turm und Leben.

Dazu CW in Stadt der Engel, S. 367: “Da wurde mir bewusst, erinnere ich mich, dass ich gerne in meiner Zeit lebte und mir keine andere Zeit für mein Leben wünschen konnte.[...] Vielleicht sind die Explosionen in den Magistralen des Kapitals Zeichen von Endzeit, Jedenfalls für unsere abendländische Kultur, aber ich genieße die Annehmlichkeiten dieser Kultur, wie fast alle es tun.”