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Lesen mit und ohne Platz

 

 

 

 

 
 

Ich habe gestern ein Buch von Christoph Hein gekauft, hauptsächlich, weil es voller Randnotizen ist. Ich lese, was da an den Rand geschrieben wurde, lese dann Heins Text und prüfe, wie eines zum anderen passt und überlege, wer da wohl geschrieben hat und mache mir ein kleines Bild von dieser Person, die es übrigens in der Mitte des Buches aufgab, sich weiterhin Notizen zu machen. Ob sie auch aufhörte zu lesen? (Man muss ja Bücher nicht auslesen.)

Schön ist es jedenfalls, wenn man sich überhaupt am Rand Notizen machen kann, wichtig ist es, weshalb ich über eines meiner Lieblingsbücher (Ahrendt, Vita activa) ja doch immer ein wenig schimpfe. Was muss es auch so dicht und fast bis an die Seitengrenze bedruckt sein:

Bei Reclam-Heften sieht es nicht besser aus, weshalb ich, im Anmerkungs- und sicherlich auch Memorierungswahn, bei Schillers “Über naive und sentimentalische Dichtung” dazu überging, schließlich fast alles auf kleine Notizzettel zu übertragen und diese aneinandergeheftet ins Buch zu kleben. Das hielt ich immerhin bis S. 41 durch. Ab S. 42 unterstrich ich und schrieb wenig an den Rand, viel ging ja nicht. Ab S. 80 finden sich keine Unterstreichungen, Zettel oder Anmerkungen mehr, was wohl bedeutet, dass ich das Buch nicht ausgelesen habe. Tja.

Jedenfalls denke ich an einen Abend in meiner kalten Studentenwohnung, mit mir zwei Kommilitonen, die sich in den Hölderlinturm wünschten und die Freundin C, die derlei Weltfremdheit nicht verstand, die diesem Wunsch nach Ideal und Zurückgezogenheit und eben Distanz zur Welt nicht guthieß, und ich, beides verstehend, beides wollend. Turm und Leben.

Dazu CW in Stadt der Engel, S. 367: “Da wurde mir bewusst, erinnere ich mich, dass ich gerne in meiner Zeit lebte und mir keine andere Zeit für mein Leben wünschen konnte.[...] Vielleicht sind die Explosionen in den Magistralen des Kapitals Zeichen von Endzeit, Jedenfalls für unsere abendländische Kultur, aber ich genieße die Annehmlichkeiten dieser Kultur, wie fast alle es tun.”

 

Satzdarsteller

 

 

 

 

 

 

 

Seit Tagen schiebe ich es schon auf, will Stadt der Engel nicht beenden, damit es dann nicht ausgelesen ist, sondern will einfach weiterlesen und weiter und weiter. Und es wäre in diesem Fall schön, führte das Lesen nicht dazu, dass das Buch ausgelesen werden könnte, zumindest für den Moment wäre das schön. Ich ginge mit diesem Buch gern durch das Jahr, und grundsätzlich bleibt der Tod, an den ich beim Lesen und sowieso denken musste, bleibt jeder Tod unvorstellbar und unmöglich, und links von mir steht ein anderes Christa Wolf-Buch, es heißt “Fortgesetzter Versuch”, womit alles gesagt ist, was man zum Leben sagen kann.

Und natürlich ist das ein Satz, der nicht stimmen kann: Hiermit ist alles gesagt.

Der Satz ist die Kleidung eines römischen Legionärs.

Der Satz ist jener als römischer Legionär verkleidete Mann der Gegenwart, der vor dem Pantheon stand (in festem Schuhwerk, um der Kälte zu trotzen), dem weinrote Federn vom Helm fielen, der mit seinem Kollegen plauderte und die Passanten fragte, ob sie ein Foto mit ihm machen wollten, zwei silberne Kronen in der rechten Hand schwenkend, das Gespräch mit dem Kollegen nicht unterbrechend.

 

Und ich bin versucht zu sagen: Hier sind lauter Ich-weiß-nicht-was versteckt: Finde die Stellen!